Stories of History
18. Oktober 1977: Die Nacht des Todes in Stammheim

18. Oktober 1977: Die Nacht des Todes in Stammheim

18. 10. 2026

🤖 Dieser Artikel wurde mit künstlicher Intelligenz erstellt und von der Redaktion geprüft.

🎧 Keine Lust zu lesen? Hören Sie den Artikel als Audio.

Siebter Stock des am stärksten bewachten Gefängnisses Westdeutschlands. Lange Gänge, vergitterte Fenster, Kameras, Wachen. Und dennoch starben hier in einer einzigen Oktobernacht drei Menschen, die nichts hätten haben sollen, womit sie sich hätten umbringen können. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – die Führer der Rote Armee Fraktion. Offiziell begingen sie Selbstmord. Doch die Fragen, die jene Nacht hinterließ, hallen bis heute durch die Gänge von Stammheim wie das Echo von Schritten.

Es ist der Morgen des 18. Oktober 1977, kurz vor acht. Die Wärter im Stuttgarter Gefängnis Stammheim verteilen das Frühstück. Sie öffnen die Zelle Nummer 719 – und auf dem Boden liegt in einer Blutlache Andreas Baader. Daneben, in Zelle 716, hängt Gudrun Ensslin am Fenstergitter. In der nächsten Zelle sitzt Jan-Carl Raspe an die Wand gelehnt mit einem Kopfschuss, er atmet noch. Irmgard Möller blutet aus vier Stichwunden in der Brust. Nur sie überlebt. Und bis zum Ende wird sie nur eines behaupten: „Es war kein Selbstmord.“

Eine Liebe, die Deutschland entzündete

Um zu verstehen, warum jene Nacht bis heute erschauern lässt, müssen wir zehn Jahre zurückgehen. In das Jahr 1967, als in West-Berlin zwei Menschen sich trafen, die überhaupt nicht zueinander passten – und doch ohne einander nicht mehr sein konnten.

Gudrun Ensslin war die Tochter eines evangelischen Pfarrers aus Schwaben. Eine kluge, gebildete Germanistikstudentin, verlobt mit dem Verleger Bernward Vesper, mit dem sie einen kleinen Sohn namens Felix hatte. Andreas Baader war das genaue Gegenteil: ein unruhiger Junge aus München ohne abgeschlossene Ausbildung, ein Kleinkrimineller, ein Verführer in Lederjacke, der schnelle Autos und große Gesten liebte. Ensslin verließ wegen ihm ihren Verlobten und ihr Kind.

Im April 1968 zündeten sie gemeinsam zwei Kaufhäuser in Frankfurt am Main an, als Protest gegen den Vietnamkrieg. Als Baader 1970 verhaftet wurde, befreite ihn eine bewaffnete Gruppe aus einem bewachten Besuch in der Berliner Bibliothek, zu der auch Ensslin und die bekannte Journalistin Ulrike Meinhof gehörten. An jenem Tag wurde die Rote Armee Fraktion geboren – die RAF. Die Presse begann, sie „Bonnie und Clyde“ zu nennen, und eine ganze Generation junger Deutscher bewunderte sie ebenso leidenschaftlich, wie der Rest des Landes sie hasste.

Es folgten Banküberfälle, Bombenanschläge auf amerikanische Stützpunkte, Polizeistationen und Redaktionen. Tote und Verletzte. Im Juni 1972 endete Baaders und Ensslins Weg in Handschellen – und einige Jahre später hinter den Mauern von Stammheim.

Eine Festung im siebten Stock

Für die RAF-Gefangenen errichtete der Staat in Stammheim eine besondere Abteilung – den gesamten siebten Stock, vom Rest des Gefängnisses abgetrennt, Tag und Nacht bewacht. Direkt neben dem Gefängnis wuchs ein neues Gerichtsgebäude empor, das nur für ihren Prozess errichtet wurde. Es war damals einer der teuersten und meistbeobachteten Prozesse in der Geschichte der Bundesrepublik.

Hinter diesen Mauern spielten sich dunkle Kapitel ab. Im Mai 1976 fand man Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle, an einem aus einem Handtuch geflochtenen Seil. Auch damals war von Mord die Rede. Und noch erschreckender ist, was viele Jahre später ans Licht kam: Im Jahr 2002 wurde bekannt, dass ihr Gehirn nach der Obduktion heimlich für wissenschaftliche Untersuchungen aufbewahrt worden war – ohne Wissen der Familie.

Im April 1977 fiel das Urteil: lebenslänglich für Baader, Ensslin und Raspe. Es schien, als ende die Geschichte. Draußen aber bereitete sich der letzte, verzweifelte Akt vor.

Der Deutsche Herbst

Am 5. September 1977 überfiel ein RAF-Kommando in Köln das Auto von Hanns Martin Schleyer, dem Präsidenten der Arbeitgeberverbände. Seinen Fahrer und drei Polizisten erschossen sie, ihn selbst entführten sie. Die Forderung war klar: Lasst die Gefangenen aus Stammheim frei. Die Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt lehnte ab. Die Gefangenen waren völlig von der Welt abgeschnitten – das Kontaktverbot galt auch für ihre Anwälte.

Am 13. Oktober dann brachten vier palästinensische Entführer, die mit der RAF verbündet waren, eine Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt in ihre Gewalt. An Bord über 80 Passagiere, viele von ihnen auf der Rückreise vom Urlaub. Das Flugzeug kreiste über dem Mittelmeer und dem Nahen Osten, in Aden erschossen die Entführer Kapitän Jürgen Schumann. Schließlich landete die Maschine in der somalischen Hauptstadt Mogadischu.

Sieben Minuten nach Mitternacht

In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober stürmte die deutsche Antiterroreinheit GSG 9 das Flugzeug. Die Aktion dauerte nur wenige Minuten. Drei der vier Entführer starben, alle Geiseln überlebten. Die Nachricht von der Befreiung wurde noch in der Nacht im Radio verbreitet. Deutschland jubelte.

Und im siebten Stock von Stammheim, wo die Gefangenen weder ein Radio noch eine Verbindung zur Welt hätten haben sollen, trat Stille ein. Eine Stille, die am Morgen mit dem Fund von drei Leichen endete.

Was die Wärter fanden

Nach den offiziellen Ermittlungen nahmen sich die Gefangenen das Leben, als sie begriffen, dass niemand sie mehr befreien würde. Doch in dieser Geschichte gibt es zu viele Dinge, die nicht stimmen.

Baader starb an einer Schusswunde, die von hinten in den Hinterkopf eingedrungen war. Ein für einen Selbstmörder sehr ungewöhnlicher Winkel. In der Zelle fand man zudem weitere abgefeuerte Kugeln.

Raspe hatte einen Durchschuss an der Schläfe und starb noch am selben Tag im Krankenhaus.

Ensslin hing an einem Lautsprecherkabel, das am Fenstergitter befestigt war.

Möller hatte vier Wunden in der Brust von einem Gefängnismesser zum Brotschneiden. Sie überlebte und behauptete bis zu ihrem Tod, sie habe nicht versucht, sich umzubringen, und in jener Nacht nichts gehört, bis sie blutüberströmt aufwachte.

Wie konnten Pistolen in das am stärksten bewachte Gefängnis des Landes gelangen – zu Menschen, die nicht einmal ihre Anwälte sehen durften?

Waffen im Plattenspieler

Die offizielle Antwort lautet: Ein Anwalt schmuggelte die Pistolen in ausgehöhlten Akten noch vor dem Kontaktverbot ein. Baaders Waffe sei angeblich im Plattenspieler versteckt gewesen, weitere Verstecke fand man in den Zellenwänden. Und die Nachricht von Mogadischu erfuhren die Gefangenen dank eines kleinen Radios und eines provisorischen „Telefons“, das Raspe aus den elektrischen Leitungen des Gefängnisses zusammengebaut hatte.

Für die einen ist das eine logische Erklärung. Für die anderen ein Märchen. Warum sollten die Wärter, die die Zellen regelmäßig durchsuchten, die Waffen und das ganze System von Drähten übersehen haben? Und warum kam später ans Licht, dass die Gespräche der Gefangenen in der Vergangenheit heimlich abgehört worden waren – aber aus jener entscheidenden Nacht angeblich keine Aufzeichnungen existieren?

Der Untersuchungsausschuss, Gerichtsgutachter und spätere Historiker neigen meist zur Version des kollektiven Selbstmords – der letzten, dramatischen Geste einer Gruppe, die als Märtyrer sterben und den Verdacht auf den Staat lenken wollte. Einen vollständigen Beweis, der alle Zweifel zum Schweigen gebracht hätte, fand man jedoch nie.

Gemeinsam begraben

Am Tag nach dem Fund, dem 19. Oktober, fand die Polizei im französischen Mülhausen im Kofferraum eines grünen Audi die Leiche von Hanns Martin Schleyer. Die Entführer hatten ihn erschossen. Der Deutsche Herbst endete mit Blut auf beiden Seiten.

Und dann kam eine Szene, die sich nicht einmal ein Romanautor hätte ausdenken können. Viele Menschen wollten nicht, dass die Terroristen überhaupt ein Grab bekämen. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel – der Sohn des berühmten Feldmarschalls Erwin Rommel, der selbst im Krieg zum Selbstmord gezwungen worden war – entschied jedoch, dass sie auf dem städtischen Friedhof beigesetzt würden. Nach seinen Worten soll mit dem Tod jede Feindschaft enden.

Am 27. Oktober 1977 wurden so Andreas Baader und Gudrun Ensslin nebeneinander zur Ruhe gebettet, zusammen mit Raspe, auf dem Friedhof Dornhalden. Die Liebenden, die 1968 gemeinsam zu brennen begannen, gingen gemeinsam auch in die Erde. Zum Begräbnis kamen Hunderte Sympathisanten, viele mit verhüllten Gesichtern, und um sie herum standen Polizeikordons.

Verwischte Bilder

Die Nacht in Stammheim hat Deutschland nie vergessen. Der Maler Gerhard Richter schuf 1988 darüber einen Zyklus von fünfzehn grauen, unscharfen Bildern mit dem schlichten Titel „18. Oktober 1977“. Tote Körper, eine Zelle, ein Bücherregal, ein Plattenspieler, ein Begräbnis. Als blicke man durch beschlagenes Glas – und gerade diese Unschärfe erfasst die ganze Geschichte besser als jeder Bericht eines Untersuchungsausschusses.

Es ist eine Geschichte über eine Liebe, die in Gewalt umschlug. Über Ideale, die in toten Fahrern, Polizisten und einem Piloten endeten. Über einen Staat, der sich fürchtete und sich wehrte. Und über eine Nacht im siebten Stock, als die Lichter erloschen und niemand – außer denen, die dort waren – je mit Sicherheit erfuhr, was in der Stille der Gänge wirklich geschah.

Vielleicht war es Selbstmord. Vielleicht nicht. Aber wenn man heute an den grauen Mauern von Stammheim vorbeigeht, ist es schwer, jene Fragen nicht zu hören, die dort nach dem 18. Oktober 1977 in der Luft hängen blieben.

Sprachversionen: Čeština · English · Španelština · Němčina · Thai · Vietnamština

← Zurück zur Artikelliste